Tuscany Trail — Teil 1

Ausgerechnet Andi, der uns zum Graveln angefixt hatte, konnte mit seiner Familie bei unserer ersten grossen Gravel-Bikepacking-Tour nicht dabei sein. Schade – zu gerne hätten wir gesehen, wie Valentina oder er gleich am ersten Tag den Kinderanhänger durch die 30cm tiefen und bis zu 10m langen Pfützen dieses einen fiesen Trailstücks gezogen hätte 😉 .*
*Natürlich war es ganz allgemein sehr schade, dass Andi und Familie nicht dabei sein konnten. Aber wir planen ja noch viele weitere Gravel-Wochen!
So stellte der VCR nur fünf der 1’500 Teilnehmer der Tuscany Trail 2021.

Die TT wird beworben als „unsupported bicycle adventure“, und das war es denn auch: Für die 79€ Teilnahmegebühr gab es ein Startareal in Massa, ein Zielareal in Orbetello und einen GPS-Track für die Route dazwischen.

Die offizielle Route in Blau. Sieht so flach aus, waren aber 8’000 Höhenmeter und ca 480km. Wir folgten ihr treu, abgesehen von einem Abstecher zur grünen Wegmarke. Was dort war, seht ihr bei Tag 5.

Übernachten, Verpflegung, Pannenbehebung und alles weitere war Sache der Teilnehmer. Wir setzten auf Unabhängigkeit und hatten von Kleidung über Werkzeug bis zum Zelt alles am Bike dabei:

Nur verpflegt haben wir uns auswärts. Wäre ja eine Schande gewesen, in der Toskana Migros-Nüdeli zu essen.

Tag 0 Anreise

Samstag 30. Mai, fünf Uhr früh bei Heinz in der Garage. Fünf Bikes hinten im Club-Bus, die Vorderräder separat; eine Bikerin und vier Biker vorne, verteilt auf drei Sitzreihen (italienische Coronaregel), und los gings. Vorderhand lag der Fokus noch nicht beim Graveln, sondern beim Essen: beim Frühstückshalt einige Stunden später an einer Autobahnraststätte bei Mailand beäugten unsere Gourmets gleich die 2kg-Säcke Risottoreis zur Mitnahme auf der Rückreise.

Das Mittagessen nahmen wir dann bereits am Tourstartort in Massa ein:

Eine der vielen Tortelloni-Varianten: Hackfleisch drin und gleich auch noch obendrauf 🙂 . Natürlich heissen die Dinger auch überall anders, hier: Tordelli.

Dann zum Startgelände zwecks Registrierung. Ausser uns waren nur etwa ein Dutzend andere Biker da: im Gegensatz zu den Massenstart-Austragungen früherer Jahre konnte man jederzeit am Samstag oder Sonntag losfahren. Wir entschieden uns für Sonntag, genossen am Abend Drinks an der Strandbar und in der Nacht dann akustisch die Auto- und Töffrennen spätpubertierender Italiener direkt neben unserem Zeltplatz.

Tag 1 Massa-Montepoli

Trotz des Schlafmangels (bei den vier Oropax-losen) klappten der erste Live-Zeltabbruch und das Bikebepacken schon recht gut. Nach zweieinhalb Kilometer Strandpromenade fuhren wir auf Dämmen landeinwärts durch die Ebene von Massa-Carrara und stiessen dabei auf eine erste weitere Teilnehmergruppe.

Die Tuscany Trail ist kein Rennen. Darum konnten wir uns unterwegs immer wieder ohne Zeitdruck mit anderen Fahren unterhalten. Anfänglich sahen wir noch viele Teilnehmer während des Fahrens. Doch im Lauf der Tage zog sich das Feld auseinander und man traf einander meistens bei Essens- oder Aussichtshalten. So auch auf der ersten Hügelkette, wo viele noch einen letzen Blick aufs Meer warfen:

Tschüss Ligurisches Meer, bis in vier Tagen wieder. Es soll übrigens auch Teilnehmer gegeben haben, welche die ganze Strecke in ca. 29 Stunden durchfuhren.

Die Wälder auf den Hügeln sorgten für Kühlung, und die Singletrails für Spass. Die Strecke war abwechslungsreich: Teersträsschen, Dammwege, Singletrails und Kiesstrassen; Ebene und Hügel, Dörfer und Land. Kompliment (bis jetzt) an die Organisatoren!

Zum Mittagessen erreichten wir mit Lucca die letzte Stadt in der Ebene — alle folgenden Städtchen lagen toskanatypisch auf einer Hügelspitze.

Unser Glaube, dass es sich in der Ebene schön flach fährt, wurde allerdings schwer enttäuscht. Zwar ging es zuerst topfeben den beeindruckenden Aquädukt von Lucca entlang:

Doch dann erwartete uns die erste der Strade Bianche, der weissgekiesten Strässchen, für welche die Toskana bekannt ist. Lockeres Dahinrollen auf feinem Schotter? Nicht hier! Alle fünf bis zehn Meter ging es fünfzig Zentimeter hoch auf die ursprüngliche Strassen-Oberfläche, und dann gleich wieder runter ins nächste grobschottrige Jammertal. Kilometer um Kilometer.

In jede der Senken hätten sämtliche Schweizer Schlaglöcher zusammen reingepasst. Wäre Andi hier mit dem Kinderanhänger durch, hätten wir das der Kesb melden müssen. P.S. sorry, kein Foto, wir waren zu beschäftigt 🙂 .

Wenigstens war hier der Boden noch trocken. Nach einer Rast bei einem ehemaligen Kloster und einigen wenigen akzeptablen Kilometern kamen wir zu einem lehmigen Waldweg, der nur „Mother of Britzgi“ heissen kann*. Die Löcher waren fast so gross wie auf der Strada Bianca, aber voll mit schlammigem Wasser. In Bezug auf den Kinderanhänger fielen Stichwörter wie „Schnorchel“ und „Taucherbrille“.
* Wer nicht weiss, was damit gemeint ist, soll nach einer Regenperiode einmal den Höhenweg von Biel-Benken nach St. Brice nehmen.

Meist zwängten wir uns velotragend zwischen Pfütze und Unterholz durch, teils wagten wir die Durchfahrt — erfolgreich, niemand blieb stecken. Einmal kam uns ein Teilnehmer entgegen und fragte verzweifelt, ob wir sein rotes Mobiltelefon gesehen hatten (leider nicht, das heisst, dass es wohl in einer der Schlammpfützen gelandet ist).

Auch hier kein Foto, aber immerhin die Karte:

Blau: Mother of Britzgi. Grau: die Alternative zu Schnorchel und Taucherbrille. Gestrichelt: ein Mountainbike-Paradieslein?

Trotz allem: Spass hat dieses Wegstück gemacht, im Gegensatz zu den 90%-Loch-10%-Strasse der Strada Bianca. (Also uns, nicht dem Telefonverlierer und auch nicht den zwei Teilnehmern, die uns schimpfend entgegenkamen und wohl auf die Strasse auswichen.)

Der Zeltplatz einige Kilometer weiter bei Montepoli (natürlich ein Städtchen auf einer Hügelspitze) war schön grün und ruhig. Statt am Gasgriff tobt sich Italien hier in der Bürokratie aus: wir mussten allerlei Formulare ausfüllen und Zertifikate an den Zeltplatzbetreiber mailen. Keiner der anderen Zeltplätze verlangte dies.

Wir duschten warm, zumindest die Glücklichen unter uns, welche eine der Duschen auf der linken Seite genommen hatten. In der Ortsbar benetzten wir uns dann auch inwendig, und zwar mit einem durchaus guten Wein für erstaunliche 6€ die Flasche. Ein ausgezeichnetes Nachessen gab es auf der Terrasse eines herrschaftlichen alten Hauses direkt an der Hangkante mit prächtigem Ausblick.

Die Weinkenner unter uns legen Wert auf die Erwähnung des 100% San Giovese, den wir (unter anderem) getrunken haben (wohl mehr als 6€ 🙂 ).

Ein kleiner Teil des Weinkellers des Quattro Gigli.

Fortsetzung folgt…